Interview: ZWEITZEUGEN e. V.
ZWEITZEUGEN e. V. bewahrt die (Über)Lebensgeschichten von Holocaust-Überlebenden und vermittelt sie an Kinder und Jugendliche. Ziel ist es, Geschichte erfahrbar zu machen und junge Menschen zu „Zweitzeug:innen“ zu befähigen, die Verantwortung für das Erinnern weiterzutragen.
Team Demokratietag: Wie genau werden junge Menschen durch die Geschichten von Überlebenden selbst zu „Zweitzeugen“ und aktiven Gestaltern der Demokratie?
Zweitzeugen: Unser Ansatz folgt dem Zitat des Zeitzeugen Elie Wiesel: »Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden«. Wir dokumentieren (Über)Lebensgeschichten und erzählen sie dort weiter, wo die Zeitzeug:innen es selbst nicht mehr können. Wir arbeiten nach unserem Herz-Kopf-Hand-Prinzip: Uns ist wichtig, (junge) Menschen emotional zu erreichen und ihr Interesse zu wecken. Gleichzeitig vermitteln wir historisches Wissen, schlagen Brücken zur Gegenwart und motivieren (junge) Menschen dazu, selbst aktiv zu werden. Sie übernehmen Verantwortung, indem sie die Geschichten in ihrem Umfeld weitergeben und so eine aktive Rolle in der Erinnerungskultur einnehmen.
Team Demokratietag: Welchen Stellenwert hat die persönliche Begegnung (mit Geschichten) für den Zusammenhalt in unserer heutigen Gesellschaft?
Zweitzeugen: Gerade in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft spürbar polarisierter wird und antisemitische Vorfälle wieder zunehmen, sind persönliche Geschichten unglaublich wichtig. Sie schaffen Nähe, wo sonst Distanz entsteht, und erinnern uns daran, was uns als Gesellschaft verbindet. Die Erzählungen von (Über)Lebensgeschichten schaffen einen Zugang, der Empathie stärkt und demokratische Werte erfahrbar macht, indem sie das Abstrakte nah- und greifbar machen. Die Geschichten berühren die Jugendlichen emotional und können ein Ausgangspunkt dafür sein, dass sie sich intensiver mit gesellschaftlichem Zusammenleben und Gerechtigkeit
auseinandersetzen. In diesem Sinne ist jede Begegnung mit solchen Geschichten auch eine
Investition in unsere demokratische Gegenwart.
Team Demokratietag: Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Jugendlichen? Verändern die Workshops deren Blick auf Partizipation und Mitbestimmung in ihrer eigenen Nachbarschaft?
Zweitzeugen: Die Rückmeldungen sind überwältigend positiv: 2025 haben Kinder und Jugendliche unsere Workshops im Schnitt mit einer Note von 1,85 bewertet. Über 92 % gaben an, durch den Workshop besser zu verstehen, wie das Leben für Juden:Jüdinnen zur NS-Zeit war. Besonders wichtig: Rund 81 % wissen nach einem Workshop, was sie selbst gegen Antisemitismus und Diskriminierung tun können. Und genau hier sehen wir auch den Effekt auf Partizipation: Viele Jugendliche erleben erstmals, dass sie in ihrer eigenen Nachbarschaft etwas bewirken können. In unseren sogenannten »Hand-Projekten« – 2025 waren das insgesamt 32 Projekte – setzen sie eigene Ideen um, zum Beispiel in Form von Podcasts, Stop-Motion-Filmen oder lokalen Gedenkveranstaltungen. Sie gehen raus aus der reinen Wissensaufnahme und werden selbst aktiv. Das verändert ihren Blick auf Mitbestimmung ganz konkret hin zu »Ich kann selbst etwas beitragen«.
Team Demokratietag: Wie hilft das Wissen über die Vergangenheit dabei, heute gegen Antisemitismus und für demokratische Werte einzustehen?
Zweitzeugen: Durch Workshop-Methoden wie »Ein ganz normaler Tag« des Anne Frank Zentrums machen wir die Auswirkungen antijüdischer Gesetze von 1933-1945 im Alltag sichtbar und bauen eine Brücke ins Heute. Wir zeigen historische und gegenwärtige Kontinuitäten auf, damit (junge) Menschen erkennen, dass Antisemitismus kein abgeschlossenes Phänomen der Vergangenheit ist, sondern im Heute und in aktuellen Narrativen – beispielsweise in sozialen Medien – fortbesteht. Dieses Wissen hilft ihnen, heutige Ausdrucksformen von Antisemitismus zu dekonstruieren und mit klarer Haltung gegen Diskriminierung einzustehen.
Team Demokratietag: Wie kann man Ihre Arbeit unterstützen, und welche Projekte stehen bei den Zweitzeugen als Nächstes an?
Zweitzeugen: Wer unsere Arbeit unterstützen möchte, kann das ganz unkompliziert über eine einmalige Spende oder eine längerfristige Fördermitgliedschaft tun. Wir sind ursprünglich als ehrenamtliche Studierendeninitiative gestartet und haben uns Schritt für Schritt zu einem sozialen Unternehmen entwickelt. Umso wichtiger ist für uns heute die finanzielle Unterstützung, damit wir unsere Bildungsangebote weiter ausbauen und unsere Arbeit langfristig sichern können.
Für die nächste Zeit haben wir uns einiges vorgenommen: Mit HOLO-VOICES arbeiten wir an einem echten Leuchtturmprojekt mit, bei dem mithilfe von KI dialogähnliche Begegnungen mit Hologrammen von Zeitzeug:innen möglich werden. Gleichzeitig wollen wir unsere Angebote in der Erwachsenenbildung ausbauen und gezielt Multiplikator:innen – zum Beispiel Lehrkräfte, aber auch Unternehmen – stärker einbinden. Und das Thema Inklusion liegt uns besonders am Herzen. Wir entwickeln unsere Formate kontinuierlich weiter, damit sie möglichst barrierearm sind, zum Beispiel auch für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen.
Das Gespräch wurde geführt mit Nina Taubenreuther, Geschäftsführerin von ZWEITZEUGEN e. V.
Weitere Informationen zum ZWEITZEUGEN e. V.
Welches Projekt oder welche Person, die sich für Demokratie in Berlin engagiert, sollen wir als nächstes vorstellen?
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