Interview: Stiftung Berliner Mauer
Zwischen Geschichte und Gegenwart vermittelt die Stiftung Berliner Mauer einen reflektierten Zugang zur deutschen Teilung und ihren Folgen. An sechs authentischen Orten wird sichtbar, was war – und zugleich werden Fragen an die Gegenwart gestellt. Die Erinnerungsorte machen die Geschichte der Berliner Mauer und der SED-Diktatur erfahrbar und erinnern an die Menschen, die unter ihr gelitten haben und ihr zum Opfer gefallen sind. Mehr erfährst du in unserem Interview!
Team Demokratietag: Was macht die Stiftung Berliner Mauer?
Stiftung Berliner Mauer: Die Stiftung Berliner Mauer bewahrt und vermittelt die Zeugnisse der Geschichte der deutschen Teilung und der Berliner Mauer. An sechs authentischen historischen Orten, erinnern wir an die Opfer der SED-Diktatur und an die Auswirkungen von Mauer, Grenzregime und staatlicher Repression.
Unser Auftrag geht über das Erinnern hinaus: Wir verstehen die Mauer nicht nur als historisches Zeugnis, sondern als Ausgangspunkt für gegenwartsbezogene Fragen. Hierbei ist uns unsere Verantwortung als demokratiebildende Institution in der Stadt auch auf einer ganz lokalen Ebene bewusst.
Team Demokratietag: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Nachbarschaft und Demokratie?
Stiftung Berliner Mauer: Die Berliner Mauer durchschnitt Straßen, Familien und Hausgemeinschaften – sie zerstörte gewachsene Nachbarschaften. Demokratie lebt vom Austausch, vom Mitgestalten, vom respektvollen Zusammenleben und verbindenden Momenten. Wo Menschen sich begegnen, ihre Stimme einbringen und Verantwortung übernehmen, entsteht demokratische Kultur. Im konkreten und alltäglichen Zusammenleben der Nachbarschaft wird ein demokratisches Miteinander evident. Unser Outreach-Programm baut daher dezidiert Brücken, um Perspektiven aus der Nachbarschaft in unserer Arbeit zu integrieren und Verbindungen in die Nachbarschaft aufzubauen.
Team Demokratietag: Wie werden Erinnerungen an die Berliner Mauer in den Nachbarschaften erhalten?
Stiftung Berliner Mauer: Für uns ist es wichtig, Räume für Dialog und Austausch zu schaffen. Deshalb suchen wir auch den direkten Kontakt in die Nachbarschaft unserer historischen Orte und Kieze und bieten z.B. Erzählcafés an. Die Berliner Mauer ist sowohl lokal als auch weltweit ein geteiltes Erbe. Die Erinnerungen an die Berliner Mauer sind genauso vielfältig wie auch ambivalent.
Der Austausch darüber, welche Erinnerungen und Bedeutungen Menschen mit diesem gesellschaftlichen Erbe verbinden, ist bedeutend. So kann man leichter miteinander ins Gespräch kommen, auch wenn sich die Meinungen und Ansichten unterscheiden. Diese Verhandlungsebene zu stärken, verstehen wir als eine zentrale Aufgabe.
Als öffentlich geförderte Institution versuchen wir mit diesem Spannungsverhältnis verantwortungsvoll und moderierend umzugehen ohne dabei die Diktaturgeschichte der DDR zu relativieren oder zu bagatellisieren.
Zu einer Demokratie gehört es aber, auch im Kontext der Meinungsfreiheit Fakten zu checken, Perspektiven zu kontextualisieren und für einen gesunden Streitraum zu sorgen, bei dem der Streit nicht zum Zerfall der Gesellschaft führen darf.
Unsere Nachbarschaft ist sehr unterschiedlich und verbindet mit der Berliner Mauer im persönlichen Erinnern auch sehr widersprüchliche Erfahrungen.
Deshalb ist uns die Mehrstimmigkeit besonders wichtig: Die Erfahrungen von Menschen, die die Mauer erlebt haben, treffen auf die Perspektiven jüngerer Generationen oder neu Zugezogener. So wird Erinnerung lebendig, anschlussfähig und gemeinschaftlich getragen. Die Nachbarschaft wird selbst zum Ort der Geschichtsvermittlung.
Team Demokratietag: Wie kann Partizipation an Projekten der Berliner Mauer zur Integration in die Nachbarschaften beitragen?
Stiftung Berliner Mauer: Wenn Menschen gemeinsam an Projekten arbeiten – etwa bei Nachbarschaftsworkshops, künstlerischen Aktionen oder Dialogveranstaltungen – entstehen Begegnungen über soziale, kulturelle und generationelle Grenzen hinweg.
Gerade für neu Zugewanderte kann die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes ein Schlüssel zur Integration sein. Wer versteht, welche Erfahrungen von Trennung, Überwachung oder Freiheitsverlust eine Gesellschaft geprägt haben, kann aktuelle gesellschaftliche Debatten besser einordnen. Gleichzeitig bringen neue Nachbarinnen und Nachbarn ihre eigenen Erfahrungen mit Grenzen und Migration ein. Dieser Austausch stärkt Zugehörigkeit und gegenseitiges Verständnis. So rücken die uns umgebenden Debatten plötzlich näher und ein persönliches Gesicht bekommen.
Team Demokratietag: Wie wird Demokratieverständnis durch die Auseinandersetzung mit Grenzen, Migration, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten gefördert?
Stiftung Berliner Mauer: Demokratie muss nicht nur verstanden, sondern auch mit Leben gefüllt werden. Nicht nur die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen fördert das Demokratieverständnis, sondern vor allem auch, die Art und Weise wie und mit wem dieser Dialog stattfindet.
Die Berliner Mauer war Ausdruck eines autoritären Grenzregimes. Ihre Geschichte zeigt, was geschieht, wenn staatliche Macht nicht rechtsstaatlich kontrolliert, zu Lasten der persönlichen Freiheit missbraucht wird und grundlegende Menschenrechte eingeschränkt werden.
In unseren Bildungs- und Outreach-Formaten stellen wir Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart her:
Was bedeutet Rechtsstaatlichkeit konkret im Alltag?
Welche Handlungsspielräume hatten Menschen damals – und welche haben wir heute?
Wie gehen demokratische Gesellschaften mit Grenzen und Migration um?
Indem wir historische Erfahrungen mit aktuellen Fragen verknüpfen, fördern wir kritisches Denken, Empathie und Verantwortungsbewusstsein. Demokratie wird so nicht als abstrakter Begriff vermittelt, sondern als konkrete Praxis, die Engagement und Haltung fordert.
Team Demokratietag: Wie kann man die Stiftung Berliner Mauer unterstützen und wie sieht eure Zukunft aus?
Stiftung Berliner Mauer: Unterstützen kann man uns auf vielfältige Weise:
– durch die Teilnahme an Veranstaltungen und Bildungsangeboten,
– durch ehrenamtliches Engagement oder Projektkooperationen,
– durch Spenden oder Fördermitgliedschaften,
– durch das Einbringen eigener Geschichten und Perspektiven.
Unsere Zukunft sehen wir in einer noch stärkeren Verankerung in den Nachbarschaften. Wir möchten analoge und digitale Formate verbinden, neue Zielgruppen erreichen und internationale Perspektiven auf Grenzerfahrungen einbeziehen. Gerade in Zeiten, in denen demokratische Werte weltweit unter Druck stehen, bleibt unser Auftrag zentral: Erinnerung als Grundlage für demokratische Verantwortung in Gegenwart und Zukunft zu stärken.
Dr. Gülşah Stapel, Kuratorin für Outreach in der Stiftung Berliner Mauer
Weitere Informationen zur Stiftung Berliner Mauer
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