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Berliner Demokratietag
Start / Interview / Interview: Stiftung Unionhilfswerk Berlin

Interview: Stiftung Unionhilfswerk Berlin

vonTeam Berliner Demokratietag erstellt am28/05/202628/05/2026 Interview, Partizipation in Berlin

Die Stiftung Unionhilfswerk Berlin fördert bürgerschaftliches Engagement, Bildung und eine starke Zivilgesellschaft – unter anderem durch zentrales Freiwilligenmanagement, Freiwilligenagenturen, Stadtteilzentren, Mentoring-Angebote und Bildungsarbeit im Hospizbereich.

Team Demokratietag: Wie kam es zu der Idee Ihrer Stiftung?

Unionhilfswerk: Die Idee zur Gründung der Trägerstiftung kam einerseits aus dem Bedarf heraus, die Aktivitäten im Freiwilligen-Engagement zu bündeln, und andererseits den Unionhilfswerk-Gesellschaften ein neues Dach zu geben. Vorher war ein ehrenamtlich geführter Verein für die 130 Einrichtungen und Projekte im Unionhilfswerk-Verbund verantwortlich.
Die Stiftung Unionhilfswerk Berlin wurde Ende 2014 ins Leben gerufen. Sie hat die Aufgabe, bürgerschaftliches Engagement und Bildung durch ihre Projekte und das zentrale Freiwilligenmanagement zu fördern. Sie setzt sich für eine starke Zivilgesellschaft ein, die das Leben in unserer Stadt gestaltet und prägt. 

Neben dem zentralen Freiwilligenmanagement mit seinem Team die freiwilligen im Unionhilfswerk  gehören zu den Stiftungsprojekten Freiwilligenagenturen in vier Berliner Bezirken, Stadtteilzentren, der Mentoring-Bereich Hürdenspringer sowie die Bildungsangebote im Hospizbereich.

Die Stiftung Unionhilfswerk Berlin ist ein unabhängiger, überparteilicher und überkonfessioneller Verbund. Gemeinsam mit ihren Gesellschaften gehört sie dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin an.

Team Demokratietag: Welcher Zusammenhang besteht zwischen einerseits Solidarität und Engagement und andererseits Demokratie?

Unionhilfswerk: Sich einbringen, Begegnungen schaffen, Vereinsamung entgegenwirken, Teilhabe ermöglichen, Perspektiven mitentwickeln – zählen zu den Motiven vieler Freiwilliger, sich zu engagieren. Dies trägt dazu bei, dass sich Menschen einer (Stadt-)Gesellschaft zugehörig fühlen. Im eigenen Stadtteil, für die eigenen Themen, für andere und damit auch für sich selbst, aktiv zu sein. Damit beginnt Demokratie im Kleinen.

Denn aktiv zu sein, sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen, es mitzugestalten und einen Beitrag zum Gemeinwohl und einer solidarischen Gesellschaft zu leisten, trägt dazu bei, Verantwortung für die Gesellschaft und für andere Menschen zu übernehmen.

Bürgerschaftliches Engagement entwickelt und erprobt demokratische Kompetenzen und ist eine Vorstufe politischer Beteiligung. Wer sich engagiert und sich mit anderen austauscht, wird eher das Wahlrecht nutzen, sich an Debatten und Volksentscheiden beteiligen und sich in Bürgerdialogen und Bürgerforen einbringen.

Team Demokratietag: Wie entwickelte sich das Unionshilfswerk seit der Gründung 1947 weiter?

Unionhilfswerk: Entstanden ist das Unionhilfswerk aus der Initiative christlich und sozial engagierter Menschen 1947 innerhalb der Berliner CDU im damals zerstörten Berlin. Die Not der damaligen Zeit mit der Unterstützung hungernder, traumatisierter, obdachloser und geflüchteter Menschen stand zuerst im Vordergrund. Das geforderte Notprogramm für Brot, Obdach und Arbeit wurde Realität. Mit den sich abzeichnenden unterschiedlichen politischen Entwicklungen in der sowjetischen Besatzungszone im Osten Berlins und den Alliierten in West-Berlin boten Wohnheime des Unionhilfswerks Studierenden der Freien Universität Berlin aus dem Osten Berlins Obdach. Außerdem stand die Hilfe für geflüchtete Menschen im Vordergrund.

1972 begann in West-Berlin die Enthospitalisierung und ermöglichte Menschen mit Beeinträchtigungen, die zuvor in großen Anstalten untergebracht und „verwahrt“ worden waren, erstmals in ihrem Erwachsenenleben Wohnen in einem bürgerlichen Umfeld. Das Unionhilfswerk gründete mit Hilfe der Hilde-Heinemann-Stiftung erste Wohnheime für Menschen mit Behinderungen wie in Berlin-Wilmersdorf. Seither wandelte sich die Arbeit von der reinen „Verwahrung“ hin zu Selbstbestimmung und Teilhabe. Später erweiterten betreute Wohngemeinschaften, Einzelwohnen und Werkstätten das Angebot für Menschen mit psychischen oder geistigen Beeinträchtigungen.

1987 nimmt in Berlin-Wedding die erste Unionhilfswerk-Kita ihre Arbeit auf. Der Fokus lag auf Kindern aus sozial benachteiligten Familien. Dies war der Start für heute sieben Kitas mit Schwerpunkten wie Zweisprachigkeit und Montessori-Pädagogik („Hilf mir, es selbst zu tun“). Das Angebot wurde in der Folge auf die ambulante und stationäre Pflege älterer Menschen, die hospizliche Begleitung bis zum Lebensende und die Unterstützung obdachloser und wohnungsloser Menschen ausgeweitet.

Die Einrichtung eines Freiwilligenmanagements mit einem hauptamtlichen Ansprechpartner 2003 war ein wichtiger Meilenstein. Das einstige Pilotprojekt professionalisierte die Engagementförderung und steigerte die Zahl der engagierten stark in den Einrichtungen und Projekten des Unionhilfswerk.

Seit seiner Gründung 1947 hat sich das Unionhilfswerk der Hilfe geflüchteter Menschen verschrieben. Rund 70 Jahre später, im Jahr 2015, wurde diese Hilfe wieder gebraucht – und wieder packen viele freiwillig Engagierte mit an. Insgesamt betrieb das Unionhilfswerk vier Gemeinschaftsunterkünfte für 1.100 geflüchtete Menschen in dieser Zeit. 2022 fanden in der Notunterkunft des Unionhilfswerks sprichwörtlich über Nacht 150 ukrainische Geflüchtete Zuflucht – fünf Tage nach Beginn des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine.

Heute sind 1.400 freiwillig und ehrenamtlich Engagierte und 3.000 hauptamtlich Mitarbeitende im Unionhilfswerk aktiv und setzen sich für fast 5.500 Menschen in Berlin ein.

Team Demokratietag: Wie schafft ihr Verbindungen zwischen Menschen durch eure Aktion „Berliner Herzenszeilen“?

Unionhilfswerk: Viele Menschen fühlen sich allein – mitten in unserer Stadt, oft unbemerkt. Freunde sterben, der Alltag wird still, Gespräche werden seltener. Doch es braucht nicht viel, um das zu ändern: Manchmal reicht schon ein Mensch, der fragt: Wie geht es dir?

Mit unserer Aktion „Berliner Herzenszeilen“ bringen wir Menschen miteinander in Kontakt – mit einem handgeschriebenen Brief. Jüngere schenken Zeit, Ältere schenken Vertrauen. Es entstehen Austausch, Verbindungen und Brieffreundschaften.

Wir verbinden einsame Menschen, die gern schreiben: Ein liebevoll geschriebener Brief bringt Nähe – mit echten Worten und echten Geschichten. Mit dem gegenseitigen Anteilnehmen am Alltag und der Lebensgeschichte entsteht Vertrauen und Wärme.

Selbstverständlich behandeln wir alle Daten streng vertraulich: Die Adressen bleiben anonym. Der gesamte Briefwechsel läuft sicher und zuverlässig über unsere Koordinatorin Brigitte Basler – Versand über das Unionhilfswerk mit Chiffre. Die Briefe werden mit einem personalisierten Anschreiben begleitet und Infos, Tipps sowie einer Briefmarke. Die Briefe werden alle zwei bis drei Wochen geschrieben, einen Brief pro Monat bekommt man und schreibt man.

Die Vermittlung läuft über das Projekt nach Interessen z. B. Natur & Garten, Bücher & Lesen, Kunst & Kultur und Generationen.

Es werden weitere einsame Menschen gesucht, die sich über eine Brieffreundschaft freuen. Ruft Brigitte an unter (030) 41726-138 bzw. schreibt uns herzenszeilen@unionhilfswerk.de

Team Demokratietag: Wie schafft ihr durch eure Stadtteilarbeit mehr Partizipation an den Nachbarschaften?

Unionhilfswerk: Die beiden Stadtteilzentren des Unionhilfswerks, Rollberge in Reinickendorf und F1 in Kreuzberg, sind Orte der Begegnung, des Lernens, der Beratung und der Gemeinschaft. Menschen aus verschiedenen Lebenswelten kommen zusammen, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und aktiv zu werden.

Hier finden regelmäßig offene Angebote für alle Altersgruppen statt: vom Sprachcafé über Deutschkurse für Eltern mit Kinderbetreuung, Unterstützung in digitaler Mediennutzung, Sport- und Freizeitangebote bis zum gemeinsamen Kochen und Gärtnern.
„Menschen kommen zu uns, weil sie Unterstützung suchen – und entdecken dann, dass sie selbst etwas bewirken können. Genau dort beginnt das Engagement“, so Kollegin Bettina Jungmann, Leiterin des Stadtteilzentrums Rollberge.

Es geht um Beziehungen, ums Zuhören, Ermutigen und Zusammenarbeit. Angebote wie Kiezcafés,  Lebensmittelrettung oder Kleidertausch-Aktionen verbinden Alltagsbedürfnisse und soziale Teilhabe. Sozialer Zusammenhalt entsteht dort, wo Menschen sich gesehen fühlen und erleben, dass ihr Handeln Sinnvolles bewirkt  – für andere und für sich selbst.

So auch Kollegin Daniela Karsten Jonas, Leiterin des Stadtteilzentrums F1 am Mehringplatz: „Zu uns kommen verstärkt Frauen, die sich in und für die Nachbarschaft engagieren. Ihnen sagen wir als F1: “Das ist gut, was ihr macht.” Wir stärken euch gern ,indem ihr im Café für die Nachbarschaftsarbeit einen Raum nutzen und auf unsere Unterstützung vor Ort wie auch auf eine ehrenamtliche Sozialberatung zurückgreifen könnt.

Team Demokratietag: Wie sieht demokratisches Engagement bei Ihnen vor Ort aus?

Unionhilfswerk: Interessierte beraten und vermitteln wir ein Engagement, das ihren Interessen und zeitlichen Vorstellungen entspricht. So können sich freiwillig Engagierte direkt einbringen in der Unterstützung von Menschen, etwa im Pflegewohnheim Am Kreuzberg beim Theaterensemble PAPILLONS.

Sie können sich zudem mit ihren Ideen einbringen bei der Ausgestaltung des Engagements und der Entwicklung von (neuen) Projekten. Sämtliche Projekte im Freiwilligenmanagement sind gemeinsam mit freiwilligen Engagierten entwickelt und an den Start gebracht worden. So auch der Mentoring-Bereich Hürdenspringer mit seinen über 1.500 Tandems seit 2009. Viele der Mentees sind jetzt selbst als Mentoren aktiv.

Gemeinsam mit den Teams vor Ort befähigen wir Menschen wie Geflüchtete oder Wohnungslose, selbst aktiv zu werden. Sie erfahren dadurch Selbstwirksamkeit und entwickeln eigene Perspektiven. Ein Hauptziel unserer Arbeit ist dabei das inklusive Engagement von Menschen mit und ohne Behinderungen.

Zudem bieten wir regelmäßig Fortbildungen, Workshops und Kiezspaziergänge für ein demokratisches Zusammenleben an. Die Themen reichen von Haltungstrainings für Vielfalt über den Einsatz gegen Hass im Netz bis hin zu historischen Stolperstein-Rundgängen.

Team Demokratietag: Was stärkt Beteiligung ganz konkret?

Unionhilfswerk: Die Möglichkeiten anbieten, sich spontan und regelmäßig beteiligen zu können, mitzumachen und dies als bereichernd für sich und andere zu empfinden.

  • Das können einfache Beteiligungsformate sein, die vielen ein Mitmachen ermöglichen: den Kiez aufräumen, im Stadtteilzentrum oder im Kiez-Café des Pflegewohnheimes mithelfen, bei Ausflügen begleiten, in der Kältehilfe an einem Abend unterstützen.
  • Dies können Mit-Mach-Angebote an Aktionstagen und -wochen sein wie dem Tag der Nachbarn, dem Ehrentag zum Grundgesetz oder der Woche des bürgerschaftlichen Engagements.
  • Social Days, die Unternehmen einladen, sich mit ihren Teams für die Gesellschaft zu engagieren.
  • Inklusive Zugänge zum Engagement für alle u. a. mit einem Alpha-Siegel-Zertifikat
  • Inklusive Engagementangebote, die Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen beteiligen und zum Engagement einladen.
  • Offene Formate der Beteiligung wie die Projektarbeit und Beteiligung bei Veranstaltungen
  • Qualifizierungen und offene Veranstaltungen
  • Eine lebendige und wertschätzende Willkommens- und Anerkennungskultur
  • Qualifizierte Ansprechpartner:innen, die auf Augenhöhe beteiligen, und eine Organisationskultur, die Beteiligung fördert.
  • Engagementfreundliche Rahmenbedingungen mit Versicherungsschutz und Aufwandsentschädigungen bzw. Fahrtkostenersatz.

Team Demokratietag: Und welche Erfahrungen möchten Sie teilen?

  • Engagement ist Demokratieförderung. Sich einbringen gestaltet Demokratie und ein solidarisches Miteinander vor Ort.
  • Es braucht Ansprechpartner:innen für Engagement auf Trägerebene und vor Ort.
    Freiwilligenmanagement und Freiwilligenkoordination tragen zu einem vielfältigen Engagement und gesellschaftlichen Miteinander bei.
  • Investitionen in diese Ansprechpartner:innen und Netzwerke des Engagements (Infrastruktur für Engagement) machen sich mehr als bezahlt und sind essentiell für eine resiliente, demokratische Gesellschaft.

Team Demokratietag: Wie kann man die Stiftung Unionshilfwerk Berlin unterstützen und wie sieht eure Zukunft aus?

Unionhilfswerk: Die Unterstützungsmöglichkeiten sind vielfältig – durch:

  • Investitionen in diese Ansprechpartner:innen und Netzwerke des Engagements (Infrastruktur für Engagement) machen sich mehr als bezahlt und sind essentiell für eine resiliente, demokratische Gesellschaft.
  • Zeit, Herz und Engagement, einfach Mit-Machen – aktuell haben wir über 90 Angebote.
  • Geldspenden z. B. für die Förderung des Engagements, für die PAPILLONS, das Mentoring oder die Altershospizarbeit
  • Sachspenden z. B. Kleiderspenden für obdachlose Menschen
  • Know-how und Erfahrungswissen
  • Mitarbeit in einer unserer 130 Einrichtungen und Projekte
  • Mitgliedschaft in unserem Trägerverein z. B. in der Interessengemeinschaft inklusives Engagement
  • Partnerschaften, Allianzen und Kooperationen
  • Fürsprache und Türöffner
  • Finanzierung von innovativen Projekten und Vorhaben.

Das Gespräch wurde geführt mit Daniel Büchel, Leiter des Freiwilligenmanagements der Stiftung Unionhilfswerk Berlin.

Weitere Informationen zur Stiftung Unionhilfswerk Berlin

Zur Webseite der Stiftung Unionhilfswerk Berlin

Welches Projekt oder welche Person, die sich für Demokratie in Berlin engagiert, sollen wir als nächstes vorstellen?

Schickt uns eure Anregungen an info@demokratietag.berlin.

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