Interview mit Dr.-Ing. André Baier
Mit seinem Onlinekurs „Demokratie nicht nur feiern, sondern leben… alle Jahre wieder“ lädt der Philosoph und Demokratiebildner André Baier (TU Berlin) im Dezember 2025 dazu ein, demokratische Prinzipien wie Freiheit, Gleichheit und Solidarität ganz praktisch zu erleben – und zwar dort, wo es oft am persönlichsten wird: im Familien- oder Freundeskreis, rund um die Feiertage. Die Übungen sind niedrigschwellig, alltagstauglich – und eröffnen Gespräche, die leicht beginnen, aber in die Tiefe führen können.

Im Interview erzählt André Baier, warum ihm diese besondere Verbindung von Advent und Demokratiepädagogik am Herzen liegt und an wen sich das kostenlose Angebot richtet.
Termine – Vier Montage im Advent:
01. – 08. – 15. – 22. Dezember 2025
jeweils 17.00-18.30 Uhr
Kostenfrei · Online per Zoom
Webseite und Anmeldung
Interview mit Dr.-Ing. Andre Baier
Team Demokratietag: Herr Baier, Sie bieten im Dezember einen Onlinekurs an, der Demokratie mit der Weihnachtszeit verbindet. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Kombination?
André Baier: Demokratie wird häufig auf den Wahlakt reduziert – als wäre sie etwas, das alle vier Jahre passiert. Ich verstehe Demokratie dagegen als etwas, das wir jeden Tag und in jedem Moment praktizieren oder eben nicht. Und Weihnachten ist dafür ein idealer Anlass: Menschen kommen zusammen, sprechen miteinander, verhandeln Unterschiede, treffen gemeinsame Entscheidungen. Warum sollte Demokratie da außen vor bleiben?
Team Demokratietag: Was genau erwartet die Teilnehmenden an den vier Montagen im Advent – und was macht die Übungen besonders geeignet für Sofa, Tannenbaum oder Kneipe?
André Baier: Ich möchte die Teilnehmenden einladen, nicht abstrakt über Demokratie zu reden, sondern sie in kleinen Aktivitäten konkret zu erleben. Im konkreten Handeln sind Menschen oft ehrlicher mit sich und anderen als im reinen Sprechen. Da zeigt sich plötzlich, wie unterschiedlich Menschen Freiheit, Gleichheit oder Solidarität verstehen – und wie viel man von diesen Differenzen lernen kann. Niemand wird als Demokrat_in geboren, und Demokratie fällt auch nicht vom Himmel. Sie entsteht im Tun. Und dieses Tun kann genauso gut am Weihnachtsabend beginnen wie an jedem anderen Tag.
Team Demokratietag: Sie setzen auf erfahrungsbasierte Demokratiepädagogik nach der Methode Betzavta. Was bedeutet das konkret – und wie unterscheidet sich das von klassischen Bildungsangeboten?
André Baier: Mir geht es nicht darum, Demokratie zu erklären. Genau daran scheitert politische Bildung oft: Eine Person spricht, alle anderen hören zu. Demokratie lernt man aber nicht über Definitionen, sondern indem man sie erlebt. Die Betzavta-Methode des Adam Institute for Democracy and Peace setzt konsequent auf Erfahrung statt Erklärung. Die Teilnehmenden geraten in kleine Entscheidungssituationen, in denen sichtbar wird, wie unterschiedliche Freiheitsansprüche kollidieren, wie schnell Ungleichheiten entstehen oder wie leicht man selbst autoritär handelt. Im Handeln sind wir oft ehrlicher als im Sprechen – und dort zeigt sich, wie Demokratie gelebt oder eben nicht gelebt wird. Erst danach reflektieren wir gemeinsam. Die Theorie folgt der Praxis, nicht umgekehrt – und genau das unterscheidet diesen Ansatz grundlegend von klassischen Bildungsformaten.

© privat André Baier
Dr.-Ing. André Baier …
… ist Philosoph, Demokratiebildner und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Berlin. Er hat jeweils einen Master in Philosophie der TU Berlin und der Université Rennes 1. Seine Dissertation befasst sich mit Bildung für nachhaltige Entwicklung in den Ingenieurwissenschaften. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin und koordiniert das Nachhaltigkeitszertifikat für Studierende. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Nachhaltigkeitsrates der TU Berlin und Mitbegründer des Studienreformprojekts Blue Engineering – Ingenieure mit sozialer und ökologischer Verantwortung.
In seiner Lehre nutzt er unter anderem die erfahrungsbasierte Demokratiepädagogik Betzavta sowie TINS_D Konstellationen.
Team Demokratietag: Der Kurs richtet sich ausdrücklich an alle – unabhängig von Alter oder Bildung. Warum ist Ihnen diese Offenheit wichtig?
André Baier: Wenn ich Demokratie ernst nehme, dann als das gleiche Recht auf Freiheit für alle Menschen – und dann muss demokratische Bildung auch für alle zugänglich sein. Gerade in der Verschiedenheit lernen wir demokratisch zu handeln: nicht weil alle gleich denken, sondern weil wir lernen müssen, mit unterschiedlichen Freiheitsansprüchen umzugehen. Dabei werden wir oft scheitern, und das ist normal. Entscheidend ist, dass wir dann erneut versuchen, ein gleiches Recht auf Freiheit für alle umzusetzen. Genau darin liegt für mich der Kern demokratischer Bildung.
Team Demokratietag: Viele Menschen erleben gesellschaftliche Spannungen gerade in der Familie oder im Freundeskreis. Können Ihre Übungen dabei helfen, Gespräche zu eröffnen, wo es sonst schwierig ist?
André Baier: Ja, die Übungen können Gespräche erleichtern – aber nicht, indem sie Konflikte entschärfen. Sie machen sichtbar, warum Konflikte entstehen: weil unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit aufeinandertreffen. Betzavta versteht solche Situationen nicht als Kampf zwischen Positionen, sondern als Dilemma, das ich in mir selbst habe – wodurch ich mein Gegenüber in mir selbst wiederfinde. Gerade im Familien- oder Freundeskreis hilft dieser Perspektivwechsel, im Dialog zu bleiben und gemeinsam nach kreativen Lösungen zu suchen, die dem gleichen Recht aller auf Freiheit gerecht werden.
Team Demokratietag: Was wünschen Sie sich, was die Teilnehmenden nach dem Kurs mitnehmen – und vielleicht sogar weitergeben?
André Baier: Wenn ein paar Teilnehmende an Weihnachten mit ihrer Familie und Freund_innen über Demokratie ins Gespräch kommen hat sich der Kurs aus meiner Sicht gelohnt. Und wenn sie dann sogar den Mut aufbringen, eine der kleinen Aktivitäten gemeinsam zu machen, dann ist für mich alles erreicht, was der Kurs bezweckt.
Team Demokratietag: Vielen Dank für das Gespräch!
Weitere Informationen
Welches Projekt oder welche Person, die sich für Demokratie in Berlin engagiert, sollen wir als nächstes vorstellen?
Schickt uns eure Anregungen an info@demokratietag.berlin.




