Interview mit Claudia Rathsack – Ein offenes Ohr auf offener Straße
Die Initiative „Ein offenes Ohr auf offener Straße“ setzt bewusst ein Zeichen: zuhören. Mit einem bunten Schirm und einem gut sichtbaren Ohr im Stadtraum lädt sie Menschen dazu ein, ihre Gedanken, Sorgen oder auch schönen Erlebnisse zu teilen – ohne Zeitdruck, ohne Agenda, ohne Bewertung. Hinter der Initiative steht die Überzeugung, dass echtes Zuhören Brücken baut, Einsamkeit entgegenwirkt und zu einem respektvollen Miteinander beiträgt. Im Interview erzählt die Initiatorin, was sie zu diesem Projekt bewegt hat, wie die Begegnungen ablaufen und welche Erfahrungen sie dabei macht.
Wir haben die Initiatorin getroffen, die erzählt, was sie zu diesem Projekt bewegt hat, wie die Begegnungen ablaufen und welche Erfahrungen sie dabei macht.

© Dominik Maringer Fotografie

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Interview mit Claudia Rathsack
Team Demokratietag: Claudia, du hast eine Initiative gegründet, die auf den ersten Blick ganz schlicht klingt: Menschen zuhören. Wie bist du auf die Idee gekommen – und was hat dich dazu motiviert?
Claudia Rathsack: In meinem persönlichen, beruflichen und im öffentlichen Umfeld registriere ich zunehmend, dass Menschen sich nicht mehr zuhören bzw. sich gehört fühlen. Der Ton ist rauer geworden. Die Zeit der Pandemie mit zeitweise ausschließlicher online – Kommunikation hat diese Entwicklung gefördert. Hinzu kommt der wachsende Druck auf die Demokratie. All dies hat mich veranlasst, zu überlegen, welche Werte und Haltung ich transportieren möchte und auf welche Weise. Ich möchte gerne etwas beitragen oder Anregung geben zu einer Dialogkultur, die durch Toleranz, Respekt und Verbundenheit gekennzeichnet ist. Zuzuhören ist eine Grundlage dafür, Verständnis für andere Positionen und andere Menschen entwickeln zu können, und kann Einsamkeit und Ausgrenzung entgegenwirken.
Team Demokratietag: Du gehst mit deiner Initiative “Ein offenes Ohr auf offener Straße” bewusst raus in den öffentlichen Raum. Wie genau funktioniert das? Wie kann man sich so eine Begegnung vorstellen?
Claudia Rathsack: Ja, ich gehe ganz bewusst raus aus meiner „Bubble“ und möchte eine niedrigschwellige Möglichkeit der Begegnung schaffen, eben auf offener Straße. Der Zuhör-Stand ist immer erkennbar an dem Aufsteller mit dem Ohr und dem großen bunten „Vielfalt-Schirm“, der als Eyecatcher fungiert, aber auch symbolisiert: jede *r ist hier willkommen. Die Menschen werden nicht aktiv angesprochen, sondern signalisieren ihrerseits durch Augenkontakt Interesse oder Gesprächsbedarf. Es beginnt dann oft mit Informationen über das Angebot oder etwas Small Talk. Ob oder wie weitgehend sich dann ein Gespräch entwickelt, das bestimmt immer der Gast. Manche bleiben im Allgemeinen, und manchmal entwickelt sich ein sehr persönliches Gespräch. Es gibt dabei kein Zeit-Limit, keine Agenda und keine Bedingungen, die Gespräche sind und bleiben anonym. Meine Rolle als Zuhörerin ist dabei, der erzählenden Person auf Augenhöhe zu begegnen und ihr durch wertschätzendes Nachfragen Aufmerksamkeit zu schenken – oder auch mal stille Momente auszuhalten.
Team Demokratietag: Welche Menschen kommen auf dich zu und mit welchen Themen oder Geschichten suchen sie das Gespräch ? Gibt es eine Begegnung oder ein Erlebnis, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Claudia Rathsack: Es kommen Menschen jeden Alters: Jugendliche, Senioren (beides Zielgruppen, die mir am Herzen liegen) und alles dazwischen. Es sind die Themen unserer Zeit, die sie umtreiben und oft besorgt in die Zukunft blicken lassen, aber auch ganz individuelle, persönliche Themen. So gab es einmal ein Gespräch mit einem Menschen, der beruflich mit einer schwierigen Situation umgehen musste und das Gespräch sehr rasch und sehr emotional mit einer konkreten Frage begann. Es war eines der längeren Gespräche, an dessen Ende er aber, wie er damals sagte, erleichtert wieder ging. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir auch ein ebenfalls längeres, sehr dichtes Gespräch mit einer kleinen Gruppe Jugendlicher im letzten Jahr hier in Berlin; ihre Themen und Fragen, aber auch ihre Reflexionsfähigkeit haben mich sehr berührt. Es geht übrigens nicht in allen Gesprächen um „schwere Kost“; manche Menschen freuen sich einfach darüber, überhaupt mal ein Gespräch führen zu können, und berichten auch mal von schönen Erlebnissen oder Erinnerungen.

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Team Demokratietag: Viele Menschen haben das Gefühl, in unserer Gesellschaft nicht mehr richtig gehört zu werden. Du begegnest ihnen direkt – wie nimmst du dieses Gefühl in den Gesprächen wahr?
Claudia Rathsack: Ja, dieses Gefühl nehme ich häufig wahr, auch wenn es nicht immer so direkt formuliert wird. Und in nicht wenigen Gesprächen kommt auch ein Gefühl von Einsamkeit zum Ausdruck, unabhängig vom Alter oder Lebensbedingungen. Pluralität und Vielfalt sind grundsätzlich positiv, finde ich, benötigen aber auch die Bereitschaft, den jeweils anderen auch anzuhören. Wenn sich dann Menschen am Zuhörstand auf ein Gespräch einlassen und merken, dass man ihnen dort auf Augenhöhe und mit Interesse begegnet und sie nicht beurteilt, trägt dies oft dazu bei, (Gedanken)Barrieren abzubauen, manchmal kommt beim Gegenüber auch eine konkrete Idee heraus.
Team Demokratietag: In einer Zeit, in der viel von Polarisierung gesprochen wird: Was kann Zuhören als Haltung und Praxis dem entgegensetzen?
Claudia Rathsack: Es gibt dieses Zitat von Carl Rogers: „Wenn dir jemand zuhört, ohne dich zu verurteilen, ohne zu versuchen, dich zu formen, fühlt es sich seht gut an.“
Das fängt im Kleinen an, in unseren Familien und Freundeskreisen, am Arbeitsplatz und gilt letztlich für die Gesellschaft. So verstandenes und praktiziertes Zuhören baut Brücken und verbindet Menschen miteinander. Einem Menschen zuzuhören bedeutet nicht, ihm in allem zuzustimmen, eröffnet aber die Chance, Verständnis füreinander zu entwickeln und Isolation und Einsamkeit entgegenzuwirken. Ich glaube, dass diese Art von achtsamem Umgang miteinander dem einzelnen Menschen gut tut und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert.
Team Demokratietag: Was hast du durch deine Gespräche auf offener Straße selbst über Gesellschaft und Miteinander und über Menschlichkeit gelernt?
Claudia Rathsack: Besonders schön finde ich Momente, in denen am Stand manchmal spontan kleine Gesprächsrunden entstehen zwischen Menschen, die sonst aneinander vorbeigelaufen wären, ohne sich gegenseitig zu beachten. Jede einzelne Begegnung ist wertvoll und lässt mich lernen, lässt mich in andere Lebensumstände blicken und erfahren, wie ein anderer Mensch über ein Thema denkt, über das auch ich nachdenke …. Aus dieser Vielfalt an Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen, dass uns Menschen letztlich mehr verbindet als trennt – wir sehen es nur oft nicht. Ich habe immer wieder erfahren, dass es sich lohnt, Menschen mit Offenheit und Vertrauen zu begegnen, weil beides zurückkommt (in den allermeisten Fällen jedenfalls).
Team Demokratietag: Welche Wirkung wünschst du dir langfristig von deiner Initiative, die für Menschen, die du triffst, aber auch für das gesellschaftliche Miteinander insgesamt?
Claudia Rathsack: Für die Menschen, die ich treffe, wünsche ich mir, dass es am Ende des Gesprächs auch für sie eine bereichernde Erfahrung war, die sie ermutigt und die sie vielleicht sogar auch in ihre Umgebung weitertragen. Mit der Initiative kann ich nicht das gesellschaftliche Miteinander insgesamt verändern, aber vielleicht hier und da einen Impuls geben. Ich wünsche mir eine weniger aggressive Gesprächskultur und möchte für mehr Vertrauen und Offenheit werben.
Team Demokratietag: Welche Pläne hast du für deine Initiative? Wie kann man sie unterstützen (oder vielleicht sogar selbst Teil davon werden)?

Claudia Rathsack: Es wäre schön, wenn die Initiative weiter wachsen würde; ich möchte sie gerne fortsetzen und weiterentwickeln; evtl. ein oder zwei feste Zuhör-Plätze in Berlin installieren. Und ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, hier von dem Angebot erzählen zu können und würde mich freuen, wenn sich die Initiative noch ein bisschen mehr herumspricht.
Wer mit dem Gedanken spielt, als Zuhörer*in gerne mitmachen zu wollen, kann gerne unter info@offenesohr.de Kontakt aufnehmen.
Mir ist abschließend noch wichtig zu betonen, dass die Initiative überparteilich und überkonfessionell ist: es stehen weder gesellschaftliche noch politische Einrichtungen hinter der Initiative, die sich als unabhängiges bürgerschaftliches Engagement versteht.
Fazit
Die Initiative „Ein offenes Ohr auf offener Straße“ zeigt, wie kraftvoll ein scheinbar einfaches Angebot sein kann: Menschen zuzuhören. Die Gespräche, die am Zuhör-Stand entstehen, machen deutlich, dass das Bedürfnis nach Austausch, Verständnis und Nähe groß ist – unabhängig von Alter oder Hintergrund. Zuhören schafft Räume für Vertrauen, baut Barrieren ab und eröffnet neue Perspektiven. Damit leistet die Initiative einen wertvollen Beitrag zu einem respektvolleren und menschlicheren gesellschaftlichen Miteinander. Es gibt viele Initiativen, die sich für Dialog, Miteinander und Zusammenhalt starkmachen – „Ein offenes Ohr auf offener Straße“ ist eine von ihnen.
Wenn du Lust hast, dann engagiere dich – ob durch Zuhören, Mitmachen oder die Unterstützung solcher Projekte.
Welches Projekt oder welche Person, die sich für Demokratie in Berlin engagiert, sollen wir als nächstes vorstellen?
Schickt uns eure Anregungen an info@demokratietag.berlin.




